Reiseberichte

Brockumer Großmarkt

Ab einem bestimmten Alter überlegt man, was man unbedingt noch mal machen muss. Bei mir kam spontan der Wunsch auf, den Brockumer Großmarkt noch einmal zu besuchen. Ich kann gut verstehen, wenn ein Mecklenburger schon mit diesem Begriff nichts anfangen kann. Hier gibt es so was nicht.

Also Brockum ist ein kleines Dorf in NRW, ca. 50 km südlich von Bremen. Hier wohnen überwiegend Landwirte auf ihren Höfen. Ein Großmarkt hat hier seine jahrhundertelange Tradition: Wenn die Ernte eingebracht war, war es Zeit zum Feiern. Außerdem hatten alle einige Taler in der Tasche, die umgesetzt werden mussten, auch die Knechte und Mägde. So putzte Brockum sich heraus, jeder Bauernhof schmückte die Scheunen, die Dielen (heute auch die Garagen), schuf hier Bewirtung, kleine Grillstände, Verkaufsräume für allerlei privat gefertigte Socken, Pullover, Kleidung, Deko und Trödel. Dazu gehört heute natürlich auch eine große Kirmes mit Karussells jeder Art, ein Viehmarkt und vor allem eine Gewerbeschau, wo sich alle Landwirte sammeln, die neue Landmaschinen kaufen  oder  zumindest anschauen wollen.

Durch den Ort ziehen sich hunderte von Buden mit allen möglichen Dingen, die der Mensch braucht – oder auch nicht. Tischdecken, jede Art von Haushaltshelfer, Glückwunschkarten, Duftöle, Spielzeug, Jacken, Mützen, Hüte, Schuhe. In großen Gewerbezelten kann man von Heizungen, Photovoltaikanlagen bis zu Wasserpumpen, Reisen (!) und Kunstgewerbe aus dem Erzgebirge weitere interessante Dinge anschauen, bestellen oder kaufen. Eigentlich gibt es nichts, was es nicht gibt.

Der Markt dauert drei Tage und ist ein Magnet für die Menschen im Ort und aus der Umgebung.

Es beginnt jeweils morgens um 10.30 Uhr und endet abends gegen 22 Uhr. So strömen die Menschen ab 10 Uhr herbei. Gewöhnlich mit dem Auto, was den Landwirten eine weitere Einkommensquelle in der Fruchtfolge beschert. Alle Grünflächen rund um die Höfe werden zu Parkflächen. Jeder zahlt 5 Euro, ohne Ansehen der Person. Wir wurden liebevoll platziert, denn ein Wohnmobil aus Mecklenburg wurde hier nicht oft gesichtet: gepflastert und mit Rangierfläche. In jeder Ecke stand ein großer Trecker bereit, um bei Regen und Matsch den Autofahrern zu helfen.

Mit bequemen Schuhen ging es los. Viele Frauen unterwegs, normalerweise in Gruppen. Da wurde noch heftig Plattdeutsch gesprochen. Es wurde geschaut, angefasst, abgewogen, gekauft, gezeigt, verglichen, alles unter lautstarken Kommentaren. Eine zu schöne Atmosphäre! Man kann hierher gehen, mit dem festen Vorsatz nichts zu kaufen, aber keine Chance. Jeder bringt etwas/oder viel mit.

      So ein Marktrundgang dauert schon mal gut drei Stunden. Da tun einem dann irgendwann die Füße weh. Außerdem entwickelt der Mensch Hunger. Nun hat man die Qual der Wahl: Pommes, Bratwurst ist der Klassiker, aber warum? Es gibt auch gefüllte Champignons, Gyros, Kartoffelpfannkuchen, Erbsensuppe, jede Art Brötchen, Kuchen…. Das Gasthaus hat aufgerüstet: im Festsaal ist Platz für viele und man bekommt a la carte. Wer jedes Jahr kommt, hat sein Lieblings“restaurant“. Da treffen sich vor allem Mann und Frau wieder. Die Männer haben den Tag bei den Landmaschinen verbracht, oder den Kühen/Kälbern/Schafen/Pferden/Hühnern… Viele tiefsinnige und fachkundige Gespräche wurden mit den Nachbarn/Freunden/Kollegen geführt, wobei die Tatsache einer nahebei platzierten Bierbude die Qualität der Gespräche wesentlich beeinflusste. Beim Essen versucht Frau dann, mit Koffeingaben und reichhaltigem Essen, den Haushaltsvorstand wieder fit zu machen, denn nach dem Essen geht man gezielt zu hochpreisigen Ausgaben über, über deren Anschaffungen gemeinsam entschieden werden muss. Ein Traktor für 300 000 Euro? Möglich. Eine Couchgarnitur für vergleichsweise günstige 5000 Euro. Vielleicht. Das will alles gut überlegt sein.

Das war für uns der Zeitpunkt, den Markt zu verlassen. Auch bei uns beulten sich die Rucksäcke. Spaßeshalber kippten wir sie im Womo aus: 10 Glückwunschkarten (je 50 ct), eine Mettwurst, eine Plätzchenbackrolle für den Advent, ein Körbchen für ein Geschenk, eine Spezialbürste für Flaschen,

eine kleine Tischdecke, eine Strickmütze aus der Grabbelkiste. Eine Tüte Hustenbonbons blieb ebenso hängen wie die unvermeidliche Waffeltüte.  Wir waren gimpflich davongekommen.Und es war ein wunderschöner Tag!